Gletscherwasser trinken, sicher oder gefährlich?

Seit zwanzig Jahren fotografiere ich Gletscher. Im Wallis, im Berner Oberland, im Graubünden. Kenne das Geräusch von schmelzendem Eis, den Geruch von nassem Fels. Und das Bedürfnis — unterwegs auf dem Gletscher, nach Stunden im Aufstieg, wenn das Schmelzwasser direkt vor einem fliesst: einfach trinken. Aber.

Und in all diesen Jahren ehrlich gesagt ein paar Mal dieselbe Frage gestellt — und doch habe ich jedes Mal gezögert.

Ich wollte es genau wissen.

Das Wasser, das man sieht

Das Schmelzwasser an der Oberfläche — das, was über den Fels fliesst und so klar und kalt aussieht — ist ein anderes als das tief unten im Eis. Zehnmal weniger Bakterien, sagen die Messungen. Aber «weniger» bedeutet nicht «keines».

Die eigentlichen Risiken kommen hier weniger aus dem Eis selbst, sondern aus dem, was das Wasser unterwegs aufnimmt:

  • Parasiten wie Giardia und Cryptosporidium wurden in Gletscherschmelzwasser nachgewiesen. Giardia verursacht Durchfall, Blähungen, Magenprobleme — selten gefährlich, aber unangenehm.

  • Fäkalbakterien — Studien zeigen, dass Bakterien aus menschlichem und tierischem Kot jahrzehntelang im Gletschereis überleben und mit dem Schmelzwasser talwärts transportiert werden. Spurenmengen von E. coli wurden in Schmelzwasserströmen gemessen.

  • Schadstoffe — Gletscher sammeln über Jahrzehnte atmosphärische Ablagerungen: Schwermetalle, Pestizide, Mikroplastik. Beim Schmelzen werden diese wieder freigesetzt.

Je höher, je frischer, je weniger Kontakt mit Boden und Tieren — desto geringer das Risiko. Aber das ist eine Faustregel, kein Beweis. Klares Wasser sieht sauber aus. Es ist es nicht zwingend.

Was noch tiefer liegt

Die eigentliche Überraschung kommt nicht von der Oberfläche, sondern von ganz unten — dort, wo das Eis auf den Fels trifft. In dieser Basalschicht lebt mehr, als man je vermutet hätte.

Was ist die Basalschicht? Die Basalschicht (englisch: Basal Ice Layer, BIL) ist die unterste Schicht eines Gletschers – direkt an der Grenze zwischen Eis und Felsuntergrund. Sie enthält Gesteinsstaub, organisches Material und eingeschlossene Gasblasen. Sie ist chemisch und physikalisch verschieden vom übrigen Gletschereis und beherbergt Mikroorganismen, die sich über Jahrtausende im Eis erhalten haben.

Nachgewiesen wurden Bakterienarten, Pilze und einzellige Lebewesen — viele davon an extreme Kälte angepasst, kaum irgendwo sonst überlebensfähig. Beat Frey, Mikrobiologe an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), schätzt, dass allein in den Schweizer Gletschern mindestens 100'000 Mikrobenarten leben — von denen wir die grosse Mehrheit noch nicht kennen.

Was gemessen wurde

Direktmessungen aus Gletscherproben zeigen:

  • Pro Gramm Eis wurden zwischen 10'000 und einer Million Bakterienzellen gezählt — je nach Sedimentgehalt

  • Stoffwechselaktivität wurde noch bei −15°C nachgewiesen. Die Bakterien schlafen nicht — sie arbeiten, nur sehr langsam

  • In Eis, das über 750'000 Jahre alt ist, wurden noch lebensfähige Mikroorganismen gefunden

  • Antibiotikaresistenzgene wurden direkt in Gletscherschmelzwasser gemessen

  • Das WSL-Team hat bislang über 1'500 Mikrobenarten aus Schweizer Gletschern kultiviert und in einer Biobank gesichert

Was noch Annahme ist

Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Medienberichte erwecken manchmal den Eindruck, dass schmelzende Alpengletscher schlafende Krankheitserreger freisetzen könnten, die Epidemien auslösen. Das klingt dramatisch — ist aber für Alpengletscher nicht belegt. Arktischer Permafrost ist viel älter, tiefer gefroren, enthält ganz andere organische Substanzen. Was dort gilt, lässt sich nicht direkt auf unser Eis übertragen.

Versuche, alte Grippe- oder Pockenviren aus aufgetautem Eis wiederzubeleben, sind bislang gescheitert. Die grossen Szenarien über mögliche Pandemien durch «aufgeweckte Urzeiterreger» basieren auf Computermodellen — nicht auf realen Ausbrüchen.

Was realistischer ist: Antibiotikaresistenzgene aus dem Gletschereis können auf moderne Bakterien übergehen, bevor die Gletscherbakterien selbst überleben. Wie gross dieser Effekt in der Praxis ist, bleibt offen.

Und unsere Gletscher?

Die Alpengletscher wurden bislang kaum mikrobiologisch untersucht. Was wir von arktischen und antarktischen Gletschern wissen, gibt uns Hinweise — aber keine direkten Antworten auf das, was in unserem Eis lebt.

Was sicher bleibt: Auch in den tiefsten, dunkelsten Schichten unserer Alpengletscher pulsiert Leben. Langsam, unsichtbar — aber nachweisbar. Das gehört zur vollständigen Geschichte dieser Landschaften.

Die Antwort auf meine Frage

Nein — ungefiltert sollte man es nicht trinken. Weder das Oberflächenwasser noch das, was tiefer kommt. Nicht weil eine Katastrophe droht. Sondern weil das Eis eine Geschichte trägt, die wir noch nicht vollständig kennen.

Beat Frey (WSL) brachte es auf den Punkt: Das Risiko ist gering — aber es ist nicht null.

Ich fülle meine Flasche heute anders.

Häufige Fragen

Kann man Gletscherwasser direkt trinken?

Nein — nicht ungefiltert. Gletscherwasser kann Bakterien, Parasiten und Antibiotikaresistenzgene enthalten, auch wenn es klar aussieht. Vor dem Trinken filtern oder abkochen.

Ist Oberflächenschmelzwasser sicherer als Basalwasser?

Etwas — Oberflächenwasser enthält zehnmal weniger Bakterien. Die Risiken dort kommen eher von Parasiten, Fäkalbakterien und Schadstoffen, die das Wasser unterwegs aufnimmt.

Sind Bakterien in Gletschern gefährlich für Menschen?

Die meisten Gletscherbakterien sind für gesunde Menschen ungefährlich. Die grössere Sorge sind Antibiotikaresistenzgene — nicht direkte Infektionen.

Gibt es lebende Organismen in Schweizer Gletschern?

Ja. Die WSL forscht aktiv daran und hat bereits über 1'500 Mikrobenarten aus Schweizer Gletschern in einer Biobank gesichert.

Unterscheidet sich das Risiko bei Alpeneis von arktischem Permafrost?

Ja, erheblich. Arktischer Permafrost ist viel älter. Das Eis der Alpengletscher ist vergleichsweise jung — das Risiko durch «Urzeiterreger» ist dort deutlich geringer.

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Milanković-Zyklen und Gletscher

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