IPCC Report AR 6: Was sagt der Weltklimarat über unsere Gletscher?
Wer regelmässig in den Alpen unterwegs ist, braucht keinen Bericht, um zu sehen, was passiert. Die Zunge des Grossen Aletschgletschers, die ich seit Jahren fotografiere, zieht sich zurück. Moränen liegen frei, wo vor einem Jahrzehnt noch Eis war. Das Schmelzwasser rauscht im Sommer lauter als früher. Diese Veränderungen sind real — ich sehe sie mit eigenen Augen.
Aber was genau sagt die Wissenschaft dazu? Und vor allem: Was davon ist gesicherte Messung, was ist Physik, und wo beginnt die Interpretation?
Diese Fragen haben mich dazu gebracht, den sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats — den IPCC AR6 — von Anfang bis Ende zu lesen. Nicht die Zusammenfassung für Politiker, sondern den ganzen Bericht. 184 Seiten, es hat etwas gedauert, aber nun bin ich durch. Und ich wollte dabei eines konsequent tun: unterscheiden, was wir wissen, was wir berechnen können und was wir annehmen.
Warum diese Unterscheidung?
In der öffentlichen Diskussion werden Messdaten, physikalische Gesetze und Modellprognosen oft in einen Topf geworfen. Das führt zu zwei Problemen: Die einen übertreiben und behaupten, alles sei bewiesen. Die anderen verharmlosen und sagen, alles sei nur Spekulation. Beides ist falsch.
Die Wahrheit liegt in der sauberen Trennung. Deshalb habe ich die Aussagen des IPCC in drei Kategorien eingeteilt:
Messdaten — was Thermometer, Satelliten und Eisbohrkerne direkt messen. Die globale Erwärmung von 1.09°C, der Gletscherverlust von 199 Gigatonnen pro Jahr, der Meeresspiegelanstieg von 20 Zentimetern seit 1901. Das sind Fakten, keine Meinungen.
Physikalische Gesetze — die Mechanismen, die erklären, warum das passiert. Das Plancksche Strahlungsgesetz, die Schwarzschild-Gleichung, die Schmelzenergie von Eis. Diese Gesetze gelten universell und sind millionenfach bestätigt und werden in den Klimamodellberechnungen verwendet.
Interpretationen — Aussagen über die Zukunft, die von Annahmen abhängen. Wie stark die Erwärmung ausfällt, hängt von Rückkopplungsmechanismen ab — insbesondere von Wolken und Wasserdampf. Hier liegt die grösste wissenschaftliche Unsicherheit, und hier beginnt die ehrliche Debatte.
Was mich überrascht hat
Die direkte Erwärmung durch eine Verdoppelung von CO₂ beträgt physikalisch etwa 1.15°C. Das ist keine Schätzung, das ist Strahlungsphysik. Dass der IPCC auf 3.0°C kommt, liegt an Verstärkungseffekten — und der grösste Unsicherheitsfaktor dabei sind die Wolken. Nicht CO₂ selbst, sondern wie Wolken auf die Erwärmung reagieren, bestimmt, ob die Zukunft eher bei 2°C oder bei 4°C liegt.
Das fand ich bemerkenswert. Und ich fand, das verdient eine transparente Darstellung.
Der Artikel
Im folgenden Beitrag habe ich die wichtigsten Erkenntnisse aus dem IPCC-Bericht zusammengefasst — strikt getrennt nach den drei Kategorien. Keine Übertreibung, keine Verharmlosung. Nur das, was die Daten zeigen, was die Physik erklärt, und wo die offenen Fragen liegen.
“Wir können die Gletscher nicht verstehen wenn wir nicht verstehen was wirklich passiert”