Schneearm aus dem Winter, weniger Schutz für den Sommer
Der Sommer ist auf dem Weg. Auf den Gletschern liegt noch Schnee, doch wer in diesem Winter unterwegs war, hat es gespürt: Die Decke ist dünn. Wo in anderen Jahren tiefer, getragener Schnee die Hänge polstert, schimmert in dieser Saison vielerorts der Untergrund durch.
Bevor der Sommer kommt, hier eine Auswahl Bilder, die unsere Kameras in diesem Winter eingefangen haben: stille Morgen über dem Pers, der Blick zum Piz Bernina, Wolken, die sich am Piz Palü brechen, das eigentümlich blaue Licht früh am Tag, wenn das Tal noch im Schatten liegt und die Grate schon brennen.
Das Erstaunliche daran: Es war nicht etwa ein milder Winter, der dafür gesorgt hat, dass der Schnee fehlt. Wer sich an die klare Kälte der Neujahrsnacht erinnert, an die sternklaren Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig, hat das Gefühl, einen richtigen Winter erlebt zu haben. Doch der Eindruck und die Messdaten erzählen zwei verschiedene Geschichten. Beide gehören zu diesem Winter, und beide sind interessant.
Wer genauer hinschaut, sieht in diesen Bildern noch etwas anderes. Die Schneedecke auf den Gletschern ist in dieser Saison auffällig dünn. Das ist kein ästhetisches Detail, sondern eine physikalische Information, die für die kommenden Monate eine Rolle spielen wird.
Was ist ein "schneearmer Winter"? Eine Saison mit deutlich weniger Neuschnee als im Mittel der Referenzperiode 1991 bis 2020. Gemessen durch das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos.
Was gemessen wurde
MeteoSchweiz hat den Winter 2025/26 mit einer landesweiten Mitteltemperatur von -0,2 °C eingeordnet, das sind 1,6 °C über dem Referenzwert 1991 bis 2020 und der 6. Rang der wärmsten Winter seit Messbeginn 1864. Der Dezember lag 2,0 °C über der Referenz, der Februar sogar 3,3 °C. Nur der Januar fiel mit -0,6 °C leicht unter das Mittel. In diese kühle Phase fielen die Kälteereignisse, die im Gedächtnis bleiben, etwa die Neujahrsnacht mit -10,4 °C in Zürich-Kloten.
Beim Schnee zeigt sich ein analoges Bild. Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF hat den Winter in seinem Winterrückblick (Stichtag 30. März 2026) als ausgeprägt schneearm eingeordnet. Die Neuschneesummen seit November lagen schweizweit bei nur 50 bis 75 Prozent des langjährigen Mittels. Das grösste Defizit verzeichnete der Osten der Schweiz, wozu das Engadin gehört. Für St. Moritz wurde eine Schneehöhe von rund 46 Prozent des Normalwerts dokumentiert.
Die Kombination ist das eigentlich Bemerkenswerte: zu wenig Niederschlag und im Mittel zu warm. Beides zusammen erklärt, warum die Schneedecke auf den Gletschern in dieser Saison im Engadin so dünn geblieben ist.
Die Physik dahinter
Frischer, trockener Schnee reflektiert 80 bis 90 Prozent der einfallenden kurzwelligen Sonnenstrahlung. Alter, gesetzter Schnee liegt typischerweise bei 40 bis 70 Prozent. Blankes, leicht verschmutztes Gletschereis reflektiert je nach Zustand oft nur 20 bis 35 Prozent. Diese Werte sind im Feld reproduzierbar und unter Laborbedingungen vielfach bestätigt. Wir haben den Mechanismus im Beitrag Gletscher-Albedo-Effekt ausführlich beschrieben.
Daraus folgt eine simple Bilanz. Sobald die schützende Schneedecke verschwindet und das Eis freiliegt, verdoppelt bis verdreifacht sich der absorbierte Anteil der Sonnenstrahlung. Mehr Energie bedeutet mehr Schmelze.
Was sich für die kommenden Monate ableiten lässt
Eine dünne Schneedecke schmilzt früher weg. Pers und Morteratsch werden ihr darunterliegendes Eis voraussichtlich früher freigeben als in Saisons mit normalem Schneeangebot. Wie früh genau, hängt vom Verlauf der nächsten Wochen ab: von den Niederschlägen im April und Mai, von der Häufigkeit von Hochdruckphasen, von allfälligen Saharastaub-Einträgen, die die Albedo zusätzlich senken, und von der Lufttemperatur. Diese Variablen werden gemessen, nicht angenommen.
Eine sachliche Einordnung
Das SLF hält in seinem Winterrückblick ausdrücklich fest, dass die Schneearmut des Winters 2025/26 hauptsächlich durch natürliche Klimavariabilität erklärbar ist. Vergleichbar trockene Winter gab es etwa 1957 und 1964. Die langfristigen Klimaprojektionen für die Schweizer Alpen erwarten für die Wintermonate ohnehin eher feuchtere als trockenere Bedingungen. Ein einzelner schneearmer Winter ist kein Beleg für einen Trend. Er erlaubt aber die nüchterne Beobachtung des physikalischen Mechanismus: Weniger Schnee bedeutet weniger Schutz, und weniger Schutz bedeutet ein ungünstigeres Energiebudget für die Gletscher in dieser konkreten Saison.
Häufige Fragen
Wie viel Schnee fiel im Winter 2025/26 im Engadin? Laut SLF lagen die Neuschneesummen seit November schweizweit bei 50 bis 75 Prozent des langjährigen Mittels (1991 bis 2020). Im Gebiet St. Moritz wurde eine Schneehöhe von rund 46 Prozent des Normalwerts dokumentiert.
Warum schmilzt ein Gletscher mit weniger Schnee schneller? Schnee reflektiert 80 bis 90 Prozent der Sonnenstrahlung. Blankes Gletschereis nur 20 bis 35 Prozent. Verschwindet die Schneedecke früher, absorbiert das Eis zwei bis dreimal mehr Energie und schmilzt entsprechend stärker.
Ist der schneearme Winter 2025/26 eine Folge des langfristigen Klimatrends? Nein, das SLF ordnet die Schneearmut hauptsächlich der natürlichen Klimavariabilität zu. Vergleichbar trockene Winter gab es bereits 1957 und 1964.
Welche Faktoren entscheiden, wann der Morteratschgletscher in dieser Saison ausapert? Niederschläge im April und Mai, Häufigkeit von Hochdruckphasen, Saharastaub-Einträge und die Lufttemperatur. Alle vier Variablen werden laufend gemessen.
Quellen
Wissenschaftliche und institutionelle Quellen
Datenquellen Schneehöhen
Eigene Beiträge auf glaciers.today