Schneearm aus dem Winter, weniger Schutz für den Sommer
Der Sommer ist auf dem Weg. Bevor er ankommt, zeigen wir hier die schönsten Bilder, die unsere Kameras in diesem Winter eingefangen haben: stille Morgen über dem Pers bis zum Piz Bernina, Wolken über dem Piz Palü und das eigentümlich blaue Licht früh am Morgen, wenn das Tal noch im Schatten liegt und die Grate schon brennen.
Wer genauer hinschaut, sieht in diesen Bildern noch etwas anderes. Die Schneedecke auf den Gletschern ist in dieser Saison auffällig dünn. Das ist kein ästhetisches Detail, sondern eine physikalische Information, die für die kommenden Monate eine Rolle spielen wird.
Was ist ein "schneearmer Winter"? Eine Saison mit deutlich weniger Neuschnee als im Mittel der Referenzperiode 1991 bis 2020. Gemessen durch das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos.
Was gemessen wurde
Das SLF hat den Winter 2025/26 in seinem Winterrückblick (Stichtag 30. März 2026) als ausgeprägt schneearm eingeordnet. Die an den Messstationen erfassten Neuschneesummen seit November lagen schweizweit bei nur 50 bis 75 Prozent des langjährigen Mittelwerts. Das grösste Defizit verzeichnete der Osten der Schweiz, wozu das Engadin gehört. Für das Gebiet St. Moritz wurde eine Schneehöhe von rund 46 Prozent des Normalwerts dokumentiert; der mehrjährige Durchschnitt liegt bei 253 cm.
Auf einen frühen Winterstart Ende November folgte eine sehr trockene und sonnige Phase bis weit in den Januar hinein. Zum Jahreswechsel lag verbreitet sehr wenig Schnee. Erst Mitte Februar brachten Grossschneefälle wieder Material auf den Boden, vor allem im westlichen Wallis und am nördlichen Alpenkamm. Im Engadin fiel deutlich weniger, und die Schneedecke blieb über weite Strecken dünn. Ein Schneeprofil, das ein SLF-Beobachter am 8. Februar im Oberengadin aufnahm (Val Arpiglia, 2375 m), zeigt das exemplarisch: wenig Schnee, hohe Temperaturgradienten, eine schwache Basis aus kantigen Kristallen, locker und körnig wie Zucker.
Die Physik dahinter
Frischer, trockener Schnee reflektiert 80 bis 90 Prozent der einfallenden kurzwelligen Sonnenstrahlung. Alter, gesetzter Schnee liegt typischerweise bei 40 bis 70 Prozent. Blankes, leicht verschmutztes Gletschereis reflektiert je nach Zustand oft nur 20 bis 35 Prozent. Diese Werte sind im Feld reproduzierbar und unter Laborbedingungen vielfach bestätigt. Wir haben den Mechanismus im Beitrag Gletscher-Albedo-Effekt ausführlich beschrieben.
Daraus folgt eine simple Bilanz. Sobald die schützende Schneedecke verschwindet und das Eis freiliegt, verdoppelt bis verdreifacht sich der absorbierte Anteil der Sonnenstrahlung. Mehr Energie bedeutet mehr Schmelze.
Was sich für die kommenden Monate ableiten lässt
Eine dünne Schneedecke schmilzt früher weg. Pers und Morteratsch werden ihr darunterliegendes Eis voraussichtlich früher freigeben als in Saisons mit normalem Schneeangebot. Wie früh genau, hängt vom Verlauf der nächsten Wochen ab: von den Niederschlägen im April und Mai, von der Häufigkeit von Hochdruckphasen, von allfälligen Saharastaub-Einträgen, die die Albedo zusätzlich senken, und von der Lufttemperatur. Diese Variablen werden gemessen, nicht angenommen.
Eine sachliche Einordnung
Das SLF hält in seinem Winterrückblick ausdrücklich fest, dass die Schneearmut des Winters 2025/26 hauptsächlich durch natürliche Klimavariabilität erklärbar ist. Vergleichbar trockene Winter gab es etwa 1957 und 1964. Die langfristigen Klimaprojektionen für die Schweizer Alpen erwarten für die Wintermonate ohnehin eher feuchtere als trockenere Bedingungen. Ein einzelner schneearmer Winter ist kein Beleg für einen Trend. Er erlaubt aber die nüchterne Beobachtung des physikalischen Mechanismus: Weniger Schnee bedeutet weniger Schutz, und weniger Schutz bedeutet ein ungünstigeres Energiebudget für die Gletscher in dieser konkreten Saison.
Häufige Fragen
Wie viel Schnee fiel im Winter 2025/26 im Engadin? Laut SLF lagen die Neuschneesummen seit November schweizweit bei 50 bis 75 Prozent des langjährigen Mittels (1991 bis 2020). Im Gebiet St. Moritz wurde eine Schneehöhe von rund 46 Prozent des Normalwerts dokumentiert.
Warum schmilzt ein Gletscher mit weniger Schnee schneller? Schnee reflektiert 80 bis 90 Prozent der Sonnenstrahlung. Blankes Gletschereis nur 20 bis 35 Prozent. Verschwindet die Schneedecke früher, absorbiert das Eis zwei bis dreimal mehr Energie und schmilzt entsprechend stärker.
Ist der schneearme Winter 2025/26 eine Folge des langfristigen Klimatrends? Nein, das SLF ordnet die Schneearmut hauptsächlich der natürlichen Klimavariabilität zu. Vergleichbar trockene Winter gab es bereits 1957 und 1964.
Welche Faktoren entscheiden, wann der Morteratschgletscher in dieser Saison ausapert? Niederschläge im April und Mai, Häufigkeit von Hochdruckphasen, Saharastaub-Einträge und die Lufttemperatur. Alle vier Variablen werden laufend gemessen.
Quellen
Wissenschaftliche und institutionelle Quellen
Datenquellen Schneehöhen
Eigene Beiträge auf glaciers.today