Nicht nur CO2: Die Rolle des Omega Blocks in diesem Sommer
Dieser Sommer hat Rekorde gebrochen. Warum, lässt sich sauber trennen. Ein Hochdruckmuster in der Form des griechischen Buchstabens Omega hat die Hitze tagelang über uns festgehalten. Der wärmere Hintergrund hat sie zusätzlich verschärft. Wetter und Klima, im selben Sommer.
Nach einem heissen Sommer hört man zwei schnelle Sätze. Der eine lautet, das sei der Klimawandel, jeder heisse Sommer beweise ihn. Der andere lautet, das sei nur Wetter gewesen, ein Hoch wie immer, nichts Besonderes. Beide Sätze enthalten etwas Wahres und führen doch in die Irre. Ich trenne deshalb, was gesicherte Physik ist, von dem, was gemessen wurde, und von dem, was am Ende Deutung bleibt. Und ich schaue mir den Sommer der Reihe nach an.
Was ein Omega Block ist
Hoch über uns, in rund zehn Kilometern Höhe, weht ein schnelles Band aus Wind von West nach Ost, der Jetstream. Er trennt kalte Polarluft von warmer Luft aus dem Süden und schiebt normalerweise ein Tief nach dem anderen über Europa hinweg. Deshalb wechselt bei uns das Wetter im Takt von Tagen.
Manchmal aber legt sich dieses Band in eine grosse Schlinge. Es biegt weit nach Norden aus und schliesst dabei ein kräftiges Hoch ein, links und rechts davon liegt je ein Tief. Von oben betrachtet zeichnet der Jetstream dann die Form des griechischen Buchstabens Omega, Ω. Daher der Name.
Das Entscheidende ist, was diese Figur mit der Zeit macht. Im Hoch sinkt die Luft ab, löst die Wolken auf und erwärmt sich. Es entsteht klarer Himmel, schwacher Wind, viel Sonne. Die beiden Tiefs an den Flanken stützen das Hoch, und das Hoch hält die Tiefs fest. Die drei stützen sich gegenseitig. Ankommende Störungen vom Atlantik werden um das Gebilde herumgelenkt, statt es wegzuschieben. So bleibt das Muster tagelang stehen, manchmal über eine Woche.
Ein Omega Block macht deshalb nicht eine bestimmte Art von Wetter. Er macht Dauer. Unter dem Hoch bleibt es heiss und trocken, weil dieselbe Sonne Tag für Tag auf denselben Boden brennt. Unter den Tiefs bleibt es kühl und nass. Dass ein schwacher Jetstream allein solche Blocks auslöse, ist übrigens nur die halbe Wahrheit. Dahinter stehen grosse Wellen im Höhenwind, sogenannte Rossby Wellen, und ein Zusammenspiel von Hoch und Tiefs. Erst wenn das Muster steht, bremst es den normalen Zug der Tiefs von West nach Ost aus.
Was in diesem Sommer gemessen wurde
Genau so ein Block hat sich Ende Juni über Westeuropa aufgebaut. Kurz vor der Sonnenwende, um den 17. Juni, legte sich ein starkes Hoch über den Kontinent, mit Tiefs an beiden Seiten, die klassische Omega Figur. Der heisseste Kern lag über Frankreich und Spanien. Die Schweiz lag näher an der Ostflanke, aber innerhalb der warmen, stabilen Zirkulation.
Die Messwerte sind eindeutig. In Basel kletterte das Thermometer am 25. Juni auf 38,0 Grad, zum ersten Mal seit Messbeginn 1946 über 37 Grad in einem Juni. Am Tag darauf stieg es an der Station Binningen bei Basel auf 38,8 Grad. Die Gletscherbeobachtung meldete für Ende Juni eine der frühesten Ausaperungen der jüngeren Aufzeichnung, also den Zeitpunkt, an dem der Winterschnee auf dem Eis verschwunden ist. Das ist gemessen, nicht gedeutet.
Und hier stehen unsere Kameras. Während der Block über den Alpen lag, waren sie auf genau dieses Eis gerichtet. Der Sommer 2026 ist im Archiv, Bild für Bild, vom selben Punkt auf 3'092 Metern.
Warum derselbe Block heute härter trifft
Jetzt kommt der Teil, den beide schnellen Sätze auslassen. Ein Omega Block ist Wetter. Er ist der Auslöser, der die Hitze bei uns festhält, und es hätte ihn vor hundert Jahren genauso gegeben. Aber er trifft heute auf einen wärmeren Hintergrund.
Die Erde ist seit der Industrialisierung um gut ein Grad wärmer geworden, in den Alpen sogar deutlich mehr. Das ist gemessen. Derselbe Block schiebt also nicht mehr die Luft von vor hundert Jahren nach oben, sondern eine, die von Beginn an wärmer ist. Wenn dieselbe Figur eine wärmere Ausgangslage tagelang staut und weiter aufheizt, liegen die Spitzen höher.
Im letzten Beitrag über den Schmetterlingseffekt haben wir gesehen, wie das zusammenpasst. Das Wetter ist der Punkt, der über den Schmetterling wandert, kurzfristig und kaum vorhersagbar. Das Klima ist die Form des Schmetterlings, der Bereich, in dem sich alles abspielt. Ein Omega Block ist ein einzelner Moment auf diesem Pfad. Die Erwärmung ist der gedrehte Antriebsknopf, der die ganze Form verschiebt und vor allem die Ränder umformt, dort wo die seltenen, heissen Extreme liegen.
Der Klimaforscher James Hansen hat dafür ein einfaches Bild geprägt. Die Erwärmung würfelt nicht neu, sie belädt den Würfel. Das Wetter bleibt ein Wurf, der Block bleibt Zufall. Aber die hohen Zahlen fallen häufiger. Nicht nur CO2, und eben doch auch CO2.
Wo die ehrlichen Grenzen liegen
Zwei Dinge behaupten wir ausdrücklich nicht. Wir behaupten nicht, die Erwärmung habe genau diesen Block erzeugt. Und wir behaupten nicht, dass Omega Blocks durch die Erwärmung sicher häufiger werden. Ob die Blockierungen zunehmen, ist in der Forschung offen und umstritten, und dort ergreifen wir keine Partei. Ob dieser eine Block ohne die Erwärmung schwächer ausgefallen wäre, ist eine Frage der Attributionsforschung, nicht der Messung.
Die Falle schnappt wie immer in beide Richtungen zu. Wer sagt, es sei nur ein Hoch gewesen, übersieht den wärmeren Hintergrund, der jede Hitzewelle nach oben zieht. Wer sagt, es sei rein der CO2 Ausstoss gewesen, übersieht, dass der unmittelbare Auslöser ein bestimmtes Wettermuster war, das man beim Namen nennen kann. Beide Sätze sind je zur Hälfte richtig. Zusammen ergeben sie das ganze Bild. Der Block hält die Hitze, die Erwärmung erhöht sie.
Der Gletscher rechnet ehrlich ab
Der Gletscher regt sich über keinen einzelnen Block auf und über keine einzelne Hitzewelle. Er fragt nicht, ob die Wärme von einem Hoch kam oder von einem wärmeren Hintergrund. Er zählt die ganze Saison zusammen, den Schnee im Winter gegen die Schmelze im Sommer, und hält am Ende das Ergebnis fest. Genau deshalb ist unser Archiv so wertvoll. Seit Juli 2023 entsteht alle 30 Minuten ein Bild vom selben Punkt auf 3'092 Metern auf der Diavolezza, mit Datum und Uhrzeit, eine geduldige Aufzeichnung von Pers und Morteratsch. An diesem ruhigen Protokoll lassen sich die lauten Schlagzeilen des Sommers prüfen. Wir zeigen, was ist. Die Deutung überlassen wir anderen.
Hinsehen. Festhalten. Weitergeben.
Quellen
MeteoSchweiz, Klimabulletin Juni 2026 und der Blogbeitrag Hitzewelle von historischem Ausmass, zur Hitzewelle Ende Juni und zur Station Basel Binningen.
MeteoSchweiz, Juni 2026, global der zweitwärmste, Hitze und Trockenheit in Westeuropa, zur Einordnung des blockierenden Hochs.
Berichterstattung zum Omega Block und zur europäischen Hitzewelle Ende Juni 2026: RTE, CGTN und Reuters, wiedergegeben bei Internazionale.
MeteoNews, Bilanz zur Hitzewelle in der Schweiz, 30. Juni 2026.
Zusammenstellung der europäischen Hitzewellen 2026 mit den Schweizer Rekorden, Basel 38,0 Grad am 25. Juni, Binningen 38,8 Grad am 26. Juni.
Voriger Artikel auf Glaciers.Today, Der Schmetterlingseffekt, Wetter und Klima. Glaciers.Today, News.
Das Bild vom geladenen Würfel geht auf James Hansen zurück: Hansen, Sato und Ruedy 2012, Perception of climate change, PNAS.