Verborgene Zeit – Was uns das Eis am Morteratsch erzählt

Wer am unteren Ende des Morteratschgletschers steht und in das blaue Halbdunkel der Eishöhle hineinschaut, blickt nicht nur in eine Landschaft. Er blickt in die Zeit. Das Eis, das hier am Gletschertor freiliegt, ist nach wissenschaftlichen Messungen bis zu 1800 Jahre alt. Es entstand in einer Epoche, lange bevor in den Alpen die ersten Klosterchroniken geführt wurden.

Als Fotograf, der seit über einem Jahrzehnt Gletscher dokumentiert, habe ich gelernt, sie nicht nur als Landschaften zu sehen, sondern als Zeitkapseln. Die Eishöhle am Morteratsch ist einer der wenigen Orte in der Schweiz, an dem man diese Tiefendimension mit eigenen Augen sehen, anfassen und im wörtlichen Sinn betreten kann.

Ein lebendiger Fluss aus Eis

Der Morteratschgletscher in den Schweizer Alpen ist einer der zugänglichsten und bestuntersuchten Gletscher der Region. Er fließt von den Höhen des Piz Bernina hinunter ins Tal, erstreckt sich über mehr als 7 Kilometer und enthält ein Archiv der jüngeren Klimageschichte der Erde. Von den frisch gefallenen Schneeflocken im oberen Einzugsgebiet bis zu den alten Eisschichten am Gletscherende erzählt jeder Abschnitt dieses Gletschers etwas über unseren wandelnden Planeten.

Wie Eis im Gletscher altert

Jeden Winter sammelt sich in den hochalpinen Zonen Neuschnee. Mit der Zeit und unter Druck verwandelt sich der Schnee in Firn und schließlich in kompaktes Gletschereis. Mit zunehmender Schneemenge werden die älteren Schichten nach unten gedrückt und beginnen langsam talabwärts zu fließen. Dadurch kann das Eis am unteren Ende des Gletschers – am sogenannten Gletscherzungenbereich – seinen Ursprung als Schnee vor über hundert Jahren gehabt haben.

Am Morteratsch datiert man die Oberflächeneis-Schichten nahe der Zunge oft auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, also in die Zeit der sogenannten "Kleinen Eiszeit". Tiefere Eisschichten an der Gletscherbasis – heute durch schmelzende Eishöhlen sichtbar – können noch deutlich älter sein. Wissenschaftliche Messungen datieren dieses Basiseis auf bis zu 1.800 Jahre.

Die Basisschicht:

Eis aus einer anderen Zeit

Am Morteratsch wird die Basisschicht oft in Eishöhlen nahe der Gletscherzunge freigelegt, wo Schmelzwasser Tunnel in das Eis gefräst hat. Das dort sichtbare, kristallklare Basiseis ist besonders dicht, bläulich und stellenweise nahezu blasenfrei. In anderen Bereichen lassen sich feine Netzwerke eingeschlossener Luftblasen beobachten – winzige Atmosphärenproben, eingefroren in der Zeit.

Da das Basiseis sehr langsam fliesst und durch darüberliegende Eisschichten isoliert ist, kann es sich viel länger halten als oberflächennahes Eis. Proben vom Morteratsch haben gezeigt, dass dieses Eis bis zu 1800 Jahre alt ist – es entstand also lange vor Beginn der modernen Geschichtsschreibung. In dieser tiefen Eisschicht finden sich wertvolle Hinweise auf vergangene Klimaverhältnisse, die Zusammensetzung der Atmosphäre und die jahrhundertelange Reise des Gletschers von seinen Nährgebieten bis ins Tal.

Und die Luftblasen im Eis?

Wenn Sie je glasklares Gletschereis mit winzigen Bläschen darin gesehen haben, dann betrachten Sie in Wirklichkeit uralte Luft. Diese Blasen entstanden, als der Schnee noch porös war, und schlossen sich allmählich ein, als das Eis dichter wurde. Wir stehen nicht nur auf altem Eis – wir sehen auch gefangene Proben der damaligen Atmosphäre.

Solche erhaltenen Luftblasen helfen Wissenschaftlern zu verstehen, wie sich Klima und Atmosphäre der Erde im Laufe der Zeit verändert haben. Selbst kleinste Eisstücke können Hinweise auf frühere CO₂-Konzentrationen, Vulkanausbrüche oder Luftverschmutzung liefern.

Der Morteratschgletscher: Ein Fallbeispiel

Der Morteratschgletscher im Berninagebiet illustriert die Dynamik alpiner Gletscher eindrücklich. Während der letzten Eiszeit vor rund 20'000 Jahren war er Teil des Inn-Gletschersystems. Vor etwa 14'000 Jahren reichte er noch ins Berninatal mit einer Mächtigkeit von rund 400 Metern. Im frühen Holozän, vor etwa 10'000 Jahren, erreichte er fast den heutigen Ort Pontresina. Während der "Kleinen Eiszeit" um 1850 vollzog er seinen letzten Vorstoss und reichte fast bis zur heutigen Bahnstation Morteratsch. Seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1878 hat sich der Gletscher um über 2'600 Meter zurückgezogen.

Häufige Fragen zur Eishöhle am Morteratsch

Wie alt ist das Eis in der Morteratsch-Eishöhle?

Das Basiseis am Morteratschgletscher ist nach wissenschaftlichen Messungen bis zu 1800 Jahre alt. Oberflächennahes Eis am Gletschertor stammt meist aus dem 19. Jahrhundert.

Wo befindet sich die Eishöhle am Morteratschgletscher?

Sie liegt am Gletschertor unterhalb der Gletscherzunge, etwa 60 bis 75 Minuten zu Fuss vom Bahnhof Morteratsch (Rhätische Bahn, Berninalinie) entfernt.

Wie komme ich zur Morteratsch-Eishöhle?

Mit der Rhätischen Bahn bis Morteratsch, dann zu Fuss auf dem ausgeschilderten Gletscherweg taleinwärts. Die Strecke ist einfach und gut markiert.

Ist es sicher, die Eishöhle zu betreten?

Nur eingeschränkt. Eishöhlen sind dynamische Gebilde mit Risiko durch Eisschlag und Einsturz. Betreten Sie die Höhle nur mit klarem Risikobewusstsein, idealerweise mit lokaler Begleitung.

Die Eishöhle am Morteratsch ist mehr als ein Naturphänomen – sie ist ein Fenster in eine Zeit, die wir uns nur über Daten und Bilder erschliessen können. Was sie zeigt, ist nicht beruhigend und nicht beunruhigend. Es ist einfach das, was ist: 1800 Jahre Eis, das in unserer Zeit für ein paar Sommer freiliegt, bevor es weiter schmilzt.

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