Das Ende von RCP 8.5: Warum der schlimmste Fall zurückgezogen wurde und was an seine Stelle tritt

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Vor wenigen Wochen wurde das meistzitierte Extremszenario der Klimaforschung als unplausibel eingestuft und aus dem Gerüst für den nächsten Weltklimabericht genommen. Das klingt nach einem Bruch. Mit den drei Schichten betrachtet ist es das Gegenteil, Wissenschaft, die sich selbst korrigiert. Der Schlussstein unserer Reihe zu den Klimamodellen.

Seit rund vier Jahren beschäftige ich mich mit den Klimamodellen. Schon früh fiel mir auf, dass RCP 8.5 oft als der wahrscheinliche Weg behandelt wurde, obwohl es als oberer Extremfall entworfen war. In Gesprächen liess sich das schwer auseinanderhalten. Entweder fehlte der Unterschied zwischen einem Szenario und einer Prognose, oder die Diskussion endete beim Verweis auf den Konsens. Dabei sagten führende Klimaforscher wie Zeke Hausfather seit Jahren dasselbe, dass dieser Extremfall zu Unrecht zum Normalfall gemacht wurde. Nun ist diese Korrektur offiziell, und es hat sich etwas Grundlegendes geändert.

In den letzten Beiträgen ging es um die Klimamodelle und um den Schmetterlingseffekt, der dem Wetter eine harte Grenze setzt, dem Klima aber nicht. Die Linie war beide Male dieselbe. Wir trennen, was gesichert ist, von dem, was offen bleibt. Diesmal geht es nicht um die Modelle, sondern um das, was man vorne hineingibt, das Szenario. Und um eine Nachricht, die im Mai für Schlagzeilen sorgte, von der Vindikation der Skeptiker bis zum angeblichen Eingeständnis eines Fehlers.

Was tatsächlich passiert ist

Am 7. April 2026 erschien in der Fachzeitschrift Geoscientific Model Development das neue Szenariogerüst für die siebte Modellgeneration CMIP7, die den nächsten IPCC Bericht AR7 um 2029 speist. Wichtig zur Einordnung. Zurückgezogen hat die Szenarien die Forschungsgemeinschaft selbst, im Rahmen von ScenarioMIP unter dem Weltklimaforschungsprogramm WCRP, nicht das IPCC als Institution. Die endgültigen CMIP7 Szenarien folgen später im Jahr 2026. Erstautor ist Detlef van Vuuren, dazu über vierzig Mitautoren. Der Satz, der die Runde machte, steht so im Papier. “Die hohen Emissionsniveaus von CMIP6, gemessen am Szenario SSP5 8.5, seien unplausibel geworden, auf Basis der Kosten erneuerbarer Energien, des Aufkommens von Klimapolitik und der jüngsten Emissionstrends”.

Konkret fallen drei Pfade aus dem bevorzugten Satz. RCP 8.5, sein Nachfolger SSP5 8.5 und das ebenfalls sehr hohe SSP3 7.0. An ihre Stelle tritt ein neuer Satz aus sieben Szenarien, von Very Low bis High, abgeglichen auf den gemessenen Stand von 2023. Das höchste neue Szenario liegt tiefer als das alte RCP 8.5, und das tiefste hält die Marke von 1,5 Grad nicht mehr ein. Die Spannweite ist an beiden Enden geschrumpft.

Ein Szenario ist keine Messung und kein Naturgesetz

Ein Szenario wie RCP 8.5 ist eine Annahme darüber, wie sich die Menschheit verhält. Wie viel Kohle sie verbrennt, wie viele Menschen leben, wie schnell Technik billiger wird, ob Politik eingreift. Diese Annahmen speist man vorne in die Modelle, damit die Physik daraus eine mögliche Zukunft rechnet. Ein Szenario gehört damit in Schicht 3, zu den Modellen und Projektionen. Es war nie Schicht 1, gesicherte Physik, und nie Schicht 2, gemessene Wirklichkeit.

Daraus folgt der entscheidende Punkt. Wird ein Szenario zurückgezogen, ändert sich an Schicht 1 und 2 nichts. Kohlendioxid absorbiert weiter Infrarotstrahlung, die Energiebilanz der Erde rechnet wie zuvor. Und die Messungen laufen weiter. Die CO2 Konzentration steigt, die globale Mitteltemperatur liegt rund 1,2 Grad über dem vorindustriellen Wert, die Schweizer Gletscher haben seit 1850 etwa sechzig Prozent ihres Volumens verloren. Nichts davon hing an RCP 8.5.

Im Gegenteil. Das Szenario fiel, weil Schicht 2 es eingeholt hat. Die gemessene Wirklichkeit, Kohle, Solarpreise, Emissionen, ist von seinen Annahmen abgewichen. Eine Annahme zu verwerfen, wenn sie nicht mehr passt, ist kein Versagen der Forschung. Es ist genau das, was Wissenschaft von Glauben unterscheidet.

Warum gerade RCP 8.5 fiel

RCP 8.5 wurde um 2011 als oberer Stresstest entworfen, benannt nach einem Strahlungsantrieb von 8,5 W/m² bis 2100 und verbunden mit grob vier bis fünf Grad Erwärmung. Als Stresstest war es legitim. Sein Problem war der Gebrauch. Über Jahre wurde es als das Szenario ohne Gegenmassnahmen geführt, als business as usual, als wäre es der wahrscheinliche Pfad. Das war es nie.

Die Welt ist anders gelaufen. Der Kohleverbrauch hat sich nicht verfünffacht, sondern eingependelt. Die Weltbevölkerung steuert nach mittlerer UN Schätzung auf rund 10,2 Milliarden bis 2100 zu, nicht auf zwölf. Solarstrom ist seit Erscheinen der Szenarien um etwa fünfundachtzig Prozent billiger geworden, die Investitionen in die Energiewende liegen über zwei Billionen Dollar pro Jahr. Eine Verfünffachung der Kohle bei billigster Solartechnik ist keine plausible Welt mehr.

Was an seine Stelle tritt, RCP 4.5

An die Stelle des Extrems rückt die Mitte. Das bekannteste Referenzszenario dafür ist RCP 4.5, benannt nach dem Zielwert von 4,5 W/m². Beschrieben von Thomson und Kollegen 2011, stabilisiert es den Strahlungsantrieb bei 4,5 W/m² bis 2100, ohne ihn je zu überschiessen. Die Emissionen bleiben grob auf heutigem Niveau bis etwa 2050, sinken danach, erreichen aber bis 2100 keine Nullbilanz. In der moderneren Fassung SSP2 4.5 führt das zu rund 2,7 Grad bis 2100. Genau dorthin zeigt auch die heute umgesetzte Politik, mit einer mittleren Schätzung um 2,7 Grad und einer Spanne von etwa 2,3 bis 3,0 Grad.

Eine Präzisierung, die der Artikel sich schuldig ist. Das neue CMIP7 Gerüst verwendet den Namen RCP 4.5 nicht mehr. Es bezeichnet seine sieben Pfade neutral von Very Low bis High. Der direkte Erbe des mittleren Pfades heisst dort Medium und wird im Papier ausdrücklich an die heutige Politik gekoppelt, als Massstab. RCP 4.5 und SSP2 4.5 sind also die wiedererkennbaren Namen für genau jenen mittleren Pfad, der heute als realistisch gilt. Der Schwerpunkt hat sich vom unplausiblen Extrem 8.5 zur belastbaren Mitte um 4.5 verschoben.

Der nüchterne Zusatz bleibt. Rund 2,7 Grad sind kein guter Wert. Sie liegen deutlich über den Pariser Marken von 1,5 und 2 Grad, und für die Gletscher bedeuten sie weiteren, massiven Verlust. Tiefer als die Katastrophe ist nicht dasselbe wie sicher.

Where the real boundaries lie

Zwei Versuchungen lauern, und beide zerstören Vertrauen. Die eine sagt, der Alarm war falsch, die Wissenschaft hat sich geirrt, also kann man das Ganze abräumen. Das hält nicht. Die Physik hing nie an RCP 8.5. Ein unplausibles Eingabeszenario auszusortieren ist Wissenschaft bei der Arbeit, nicht beim Zusammenbruch. Die andere Versuchung ist, am schlimmsten Fall festzuhalten, weil er die stärkere Schlagzeile liefert. Auch das ist unredlich.

Daneben steht eine echte, offene Debatte, die zu Schicht 3 gehört und in der wir keine Partei ergreifen. Die einen, darunter die Autoren des neuen Gerüsts und Zeke Hausfather, betonen die billiger gewordene Technik, die Klimapolitik und die Emissionstrends. Andere, etwa Roger Pielke junior, halten dagegen, das Szenario sei nie ein plausibler business as usual Pfad gewesen, sondern von Beginn an als Extrem konstruiert. Welche Lesart näher an der Wahrheit liegt, ist eine Frage der Interpretation, nicht der Messung.

The glacier takes its toll

Der Gletscher kennt keine Szenarien. Er fragt nicht nach dem Strahlungsantrieb von 2100. Er zählt die Saison zusammen, den Schnee im Winter gegen die Schmelze im Sommer, und hält am Ende das Ergebnis fest. Seit Juli 2023 entsteht alle 30 Minuten ein Bild vom selben Punkt auf 3092 Metern auf der Diavolezza, eine geduldige Aufzeichnung von Pers und Morteratsch. Welches Szenario die Welt am Ende fährt, ob die Mitte um 4.5 oder etwas anderes, ist eine Frage für Forschung und Politik, also Schicht 3. Das Eis schreibt die Antwort ohnehin mit.

Das ist unsere Aufgabe. Wir liefern Schicht 1 und 2, die Physik und die Messung. Die Szenarien überlassen wir denen, deren Geschäft sie sind. Wir zeigen, was ist.

Look. Hold on. Pass it on.

Wie wirken Szenarien

Von der Verbrennung zur Erwärmung, ein einfacher Klimarechner

Von der Verbrennung zur Erwärmung

Zwei Schichten, ein Ergebnis. Wie viel wir verbrennen ist unsere Wahl, das ist Schicht 3 und die Frage hinter RCP 8.5 gegen RCP 4.5. Wie stark das Klima darauf reagiert ist Physik, das ist Schicht 1 und 2. Drehen Sie an allen drei Reglern und sehen Sie, wo die langfristige Erwärmung landet.

Wie viel wir verbrennen, Schicht 3, unsere Wahl

wie heute
AusstiegVerfünffachung, das alte RCP 8.5
wie heute
Ausstiegstarke Zunahme

CO2 Konzentration 2100, rund 545 ppm. Sockel 415, Kohle plus 72, Öl und Gas plus 58. Heute rund 425 ppm, RCP 4.5 rund 540, RCP 8.5 rund 935.

Wie stark das Klima reagiert, Schicht 1 und 2, die Physik

+0,29 W/m²/Grad
schwach, kühlendstark, wärmend

Daraus folgt eine Klimaempfindlichkeit von 3,0 Grad pro CO2 Verdopplung, der IPCC Bestwert. Die Modelle streuen von 1,8 bis 5,6.

CO2 Konzentration 2100545 ppm
Langfristige Erwärmung2,9 Grad
1,5 Grad, Paris RCP 4.5 RCP 8.5 2,9 1 2 3 4 5 6 7 Langfristige Erwärmung gegenüber vorindustriell, Grad Celsius

Vereinfachte Kette. Verbrennung treibt die CO2 Konzentration, die Erwärmung folgt der logarithmischen Beziehung, Erwärmung gleich Empfindlichkeit mal Logarithmus zur Basis zwei von C geteilt durch den vorindustriellen Wert von 278 ppm. Gezeigt ist die langfristige Gleichgewichtserwärmung, sie liegt höher als der oft genannte Wert für das Jahr 2100. Die Beziehung ist illustrativ und dient dem Verständnis, nicht der genauen Prognose. Datengrundlage IPCC AR6 WG1 und die RCP Konzentrationspfade.

Die Berechnung, offen gelegt

Damit jeder nachrechnen kann, hier die ganze Kette in fünf Schritten.

  1. CO2 Konzentration im Jahr 2100, in ppm. C = 415 + 72 × Kohle + 58 × (Öl und Gas). Kohle läuft von 0 bis 5, Öl und Gas von 0 bis 3, beide relativ zu heute. Der Sockel von 415 ppm bleibt selbst bei starker Reduktion.
  2. Strahlungsantrieb, in Watt pro Quadratmeter. F = 3,93 × log2(C / 278). 278 ppm ist der vorindustrielle Wert, 3,93 der Antrieb einer CO2 Verdopplung nach IPCC AR6.
  3. Dämpfung des Klimas, die Summe der Rückkopplungen als Betrag. D = 1,60 minus Wolkenrückkopplung. Der Sockel 1,60 ist die Summe aus Planck minus 3,22, Wasserdampf plus 1,77, Temperaturgradient minus 0,50 und Albedo plus 0,35.
  4. Klimaempfindlichkeit, Grad pro Verdopplung. ECS = 3,93 / D. Bei mittlerer Wolkenrückkopplung von plus 0,29 ergibt das die vom IPCC bewerteten 3,0 Grad.
  5. Langfristige Erwärmung, in Grad. ΔT = F / D = ECS × log2(C / 278).

Bewusst gewählt und offen genannt. Die Wolkenrückkopplung ist so geeicht, dass der mittlere Fall die bewerteten 3,0 Grad trifft. Die Faktoren 72 und 58 sind so gewählt, dass die Grundstellung auf RCP 4.5 und die Maximalstellung auf RCP 8.5 fällt. Gezeigt ist die Gleichgewichtserwärmung, höher als der Wert für 2100. Ein Lehrmodell, kein Prognosewerkzeug.

Glaciers.Today, Wissenswertes. Hinsehen. Festhalten. Weitergeben.

Sources

  • van Vuuren, D. und Kollegen 2026, The Scenario Model Intercomparison Project for CMIP7. Geoscientific Model Development 19, 2627 bis 2656. Mit dem Satz zur Unplausibilität von SSP5 8.5 und dem neuen Satz aus sieben Szenarien. gmd.copernicus.org

  • WCRP CMIP, Explainer zu den Szenarien für CMIP7. wcrp-cmip.org

  • Thomson, A. und Kollegen 2011, RCP4.5, a pathway for stabilization of radiative forcing by 2100. Climatic Change 109, 77. Die Originaldefinition des mittleren Szenarios. Springer

  • Hausfather, Z. 2025, Bewertung der current policies Szenarien, mittlere Erwärmung rund 2,7 Grad. SAGE Journals

  • Hausfather, Z., On the death of RCP8.5. Einordnung aus Sicht der etablierten Klimaforschung. The Climate Brink

  • Pielke, R. junior, No, RCP8.5 did not become implausible because of climate policy. Die Gegenposition zur Ursache. Substack

  • The Washington Post, 19. Mai 2026, zur öffentlichen Berichterstattung. washingtonpost.com

  • Erster Artikel der Reihe auf Glaciers.Today, Klimamodelle, was sie berechnen, warum es so viele gibt. glaciers.today

  • Voriger Artikel auf Glaciers.Today, Der Schmetterlingseffekt, warum sich das Wetter nur begrenzt vorhersagen lässt, das Klima aber sehr wohl. glaciers.today

  • Zur Physik dahinter, Albedo Effekt, dunkle Steine, schmelzendes Eis. glaciers.today


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